Montag, 10. Oktober 2011

Ladestationen der Revolution


"Die Orangen des Präsidenten"





Rheine. "Die Menschen verdienen es, das Schöne zu sehen." Der preisgekrönte Auto Abbas Khider genoss in der Galerie "gegenwART" in Rheine sichtlich den denkbar schönen Rahmen zeitgenössischer Kunst, um sein Publikum auf eine spannende Reise mitzunehmen, das Leben als Kunstwerk zu erleben.

"Literatur und Kunst generell haben eine große Macht", so der 1973 in Bagdad geborene Khider im Gespräch mit Norbert Kahle, Geschäftsführer der Europa-Brücke, die zu dieser Veranstaltung eingeladen hatte. Im Wechsel von kurzen Dialogen und Lesepassagen aus Khiders aktuellem Roman "Die Orangen des Präsidenten" entspann sich ein Galeriegespräch vor dem Hintergrund aktueller politischer Ereignisse im arabischen Raum, das gleichsam tiefsinnig wie unterhaltsam viele Facetten künstlerischen Schaffens spiegelte.

Gefängnishaft, Folter, Hunger, Demütigungen. All dies, was sein Romanheld Mahdi als Abiturient im Irak Saddam Husseins ohne Grund durchleiden musste, kennt der heute in Berlin lebende Schriftsteller Abbas Khider aus eigener Erfahrung. Auch nach seiner Flucht aus dem Irak im Jahr 1996 macht er immer wieder Bekanntschaft mit Gefängniszellen und fristete einige Jahre das Dasein eines "illegalen" Flüchtlings im Westen. Dennoch betrachtet es Khider es als seine vornehmste Aufgabe als Literat, die Schönheiten des Lebens, die sich gerade in der dunkelsten Umgebung und Momenten tiefster Verzweiflung offenbaren, sichtbar zu machen. In diesem Sinne versteht sich Khider als "Schönheitssammler". Dass ausgerechnet die Willkürherrschaft arabischer Despoten, die lange vom vermeintlich aufgeklärten Westen hofiert worden sind, den gesellschaftlichen Rahmen seiner Erzählung bilden, lenkte den Blick auf die aktuelle Lage im arabischen Raum. Viele Menschen dort Raum durchleben eine sehr hoffnungsvolle Zeit der geistigen Befreiung: Die „Jasmin-Revolution“ steht stellvertretend für die Befreiung von Unterdrückung und Gewaltherrschaft. Für Abbas Khider ist diese Revolution ein gemeinschaftliches "Kunstwerk der Menschen aus den Volk". Kunst, Literatur oder Literatur sind für ihn gleichermaßen die Ladestationen des gesellschaftlichen Wandels. Die tatsächlichen Ladestationen der Revolution hat Abbas Khider hautnah auf dem Tahrir-Platz in Kairo erlebt. Als Millionen Ägypter durch ihre beharrlichen Demonstrationen das Mubarak-Regime aus den Angeln hoben, versorgten die Geschäftsleute der Umgebung die Demonstranten kostenlos mit Strom für ihre Handys, damit die Welt von den Vorgängen erfuhr. Die Akku-Ladestationen sind mittlerweile als Ladestationen der Revolution ein fester Begriff.

Bleibt zu hoffen, dass es der Europa-Brücke auch künftig gelingt, Menschen mit weitergehenden Informationen aufzuladen. Die Veranstaltung mit Abbas Khider hätte auf jeden Fall ein breiteres Publikum verdient.  Jörg Peterkord

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