Samstag, 9. Juli 2011

Europaforum Münsterland

Münster - Manchmal ist die Realität spannender als jedes Skript. Wenn der deutsch-ägyptische Regisseur Samir Nasr über den Umbruch in Ägypten redet, hat seine Geschichte zwei Seiten. Auf der einen Seite ist da sein Traum: Er handelt von einem demokratischen, wohlhabenden Ägypten. Das wäre seine ganz persönliche Abrechnung mit dem System Mubarak.

Auf der anderen Seite ist da der wachsende Unmut und die instabile Lage im Land. „Wir müssen mit einer zweiten, großen Protestwelle rechnen.“ Er glaubt, dass trotz momentaner Instabilität und Unsicherheit sein Traum Realität wird. Seit Monaten beobachtet er vor Ort die Umbrüche. Jetzt berichtete er beim 2. Europa-Forum Münsterland über seine Erfahrungen.
Der 42-Jährige kehrt immer wieder zurück zum Tahrirplatz: Geboren wurde er in Karlsruhe, sein Abitur hat er an der deutschen Schule in Kairo gemacht. Heute ist er erfolgreicher Filmemacher, der sich mit den Umbrüchen muslimischer Identität auseinandersetzt.
Noch im November sei das Land wie gelähmt gewesen. „Dann ist der Funke der Inspiration übergesprungen.“ Die Ägypter hätten plötzlich empfunden: Dies ist unser Land. Es sind viele Bilder, die Nasr im Kopf hat: „Mein Hausmeister redete auf einmal offen über Politik, es gab Konzerte, auch Wochen nach dem Sturz Mubaraks platzte der Tahrirplatz aus allen Nähten.“
Der Staatsbürgergedanken sei den Ägyptern am wichtigsten, deshalb ist Nasr überzeugt, dass sich die Islamisierung in Grenzen halten wird. Für die meisten Ägypter komme an erster Stelle die Toleranz, die Hoffnung auf eine Zukunft in Freiheit.
Die Moslembrüder stünden vor einer Zerreißprobe. Als Sammelbecken verschiedener Strömungen würden sie sich jedenfalls nicht behaupten können.
Seine Sorge gilt der schlechten materiellen Lage und der unsicheren Sicherheitsstruktur im Land. Dies schüre den Zorn der Menschen. Es gebe kein Konzept für den Umbau der Polizei, Diebstahl und Kriminalität nähmen zu. Bürgerwehren versuchten, für Sicherheit zu sorgen. Die Übergangsregierung müsse mehr tun, auch Hilfe aus dem Ausland gezielt annehmen. Ebenso wie in der ehemaligen DDR produziere die Revolution viele Verlierer, die anders als in Deutschland völlig mittellos dastünden. Im Moment gebe es das Gefühl eines Rückschritts.
Im Herbst geht es für Nasr wieder nach Ägypten - mit der Kamera. Doch ob es dann die geplanten Wahlen geben kann - das steht für ihn in den Sternen. „Es wird noch lange dauern, bis in Ägypten Stabilität herrscht. Wir müssen Geduld haben.“
Quelle: Westfälische Nachrichten

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