Sonntag, 17. Oktober 2010

Jüdische Kunstvielfalt im katholischen Rheine


Rheine. Was hat die Provinz Rheine mit den Metropolen New York und Berlin gemeinsam? Auch die Emsstadt verfügt nun über eine Jüdische Galerie - die erste überhaupt in ganz Westfalen. Seit Sonntag gibt es im ersten Stock des Einkaufszentrums „EEC“ am Humboldtplatz Werke des Berliner Künstlers Michail Schnittmann zu bestaunen. Seine Ausstellung trägt den Titel „Mitten im Leben“.

Zur offiziellen Eröffnung der Galerie, die von der Deutsch-Israelischen-Gesellschaft, der Gesellschaft für Arbeit und Beschäftigung (GAB), dem Städtepartnerschaftsverein Rheine und der Europa-Brücke getragen wird, kamen zahlreiche Ehrengäste zusammen. Die Eröffnungsrede hielt die profilierte muslimische Bürgerrechtlerin Seyran Ates. 
„Heute wird eine jüdische Galerie im katholischen Rheine mit den Worten einer türkisch-muslimischen Bürgerrechtlerin eröffnet“, sagte Norbert Kahle, Geschäftsführer der Europa-Brücke. Er brachte damit den Sinn und Zweck der Jüdischen Galerie auf den Punkt. Sie soll den Dialog zwischen den Kulturen und Religionen fördern - unabhängig von der Herkunft der Künstler und der Kunstliebhaber. „Mitten im Leben“ - dieser Ausstellungstitel treffe gleich in mehrerer Hinsicht auf Leben der verschiedenen Kulturen in Deutschland zu. Denn mitten im Leben entfalte sich beispielsweise wieder jüdisches Leben in der Bundesrepublik.
Die Eröffnungsveranstaltung hatte gerade deshalb einen sehr politischen Charakter. Die Integrationsdebatten der vergangenen Monate standen dabei ganz besonders im Fokus. „Es sollte doch eine Selbstverständlichkeit sein, dass sich Menschen aller Religionen friedlich begegnen“, sagte die muslimische Bürgerrechtlerin Seyran Ates. Die Anwältin, die mit sechs Jahren als Kind türkischer Gastarbeiter nach Berlin zog, war Mitglied der Deutschen Islamkonferenz und nahm am Integrationsgipfel der Bundesregierung teil.
Am Sonntag kritisierte sie vor allem die Worte des umstrittenen Autors Thilo Sarrazin. „Es ist einfach nur beschämend, wenn man von irgendwelchen jüdischen Genen spricht“, sagte Ates. Die Kunst sei eine richtige Antwort auf solche Diskussionen. „Wenn ich mir heute und hier die einzelnen Bilder ansehe, dann nehme ich doch eine große Vielfalt wahr, eine Vielfalt, wie sie auch in unserer Gesellschaft existiert“, sagte Ates.
Die Frauenrechtlerin betonte, dass man stets offen sein müsse für andere, fremde Kulturen. Kunst sei ein wichtiges Mittel dafür, weil sie keine Grenzen kenne und weltoffen sei. „Es gibt wirklich nichts Schlimmeres als nationalistisches Denken“, betonte die Rechtsanwältin.
Die Ausstellung im Einkaufszentrum am Humboldtplatz ist freitags von 10.30 Uhr bis 18 Uhr, samstags von 10.30 Uhr bis 14 Uhr und sonntags von 15 Uhr bis 18 Uhr für Besucher geöffnet.

VON DAVID TEMMEN

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