Mittwoch, 10. November 2010

"Demokratie ist halt anstrengend"


Beatrice von Weizsäcker: „Warum ich mich nicht für Politik interessiere“
Rheine. (jpe) Während sich zeitgleich im Wendland der langwierigste Castor-Transport aller Zeiten vorbei an frierenden Polizisten und Demonstranten quälte, freute sich die Publizistin Beatrice von Weizsäcker am Montagabend in Rheine — auch über zahlreiche interessierte Zuhörer ihrer Buchlesung in Eschendorf. Von Weizsäcker sieht in den sich häufenden Großprotesten von Bürgern in Deutschland ein Hoffnungszeichen für die Demokratie. Daran ließ sie auch im Gespräch mit Rainer Ortel auf Einladung der Europa-Brücke und des Bürgervereins Netzwerk Eschendorf keinen Zweifel. Im Bastelladen Kreativ & Hobby stellte sie ihre Bücher „Warum ich mich nicht für Politik interessiere“ und „Die Unvollendete - Deutschland zwischen Einheit und Zweiheit“ vor.
Beatrice von Weizsäcker
„Endlich fühle ich mich in der Demokratie wieder lebendig“. Diesen Satz habe sie unlängst von einer älteren Demonstrantin gegen Stuttgart 21 gehört. „Dies zeigt das Bedürfnis der Menschen, sich wieder zu beteiligennach der langen Parteien-und Politikverdrossenheit“, sagte die 52-Jährige, die den Deutschen Evangelischen Kirchentag im Juni 2011 in Dresden mit vorbereitet. Nicht alle Zuhörer mochten ihrer Einschätzung folgen. Es gebe eine generelle Stimmung gegen Allesmögliche, jedoch keine Begeisterung für bestimmte Projekte. Die Dinge müssten halt im Parlament entschieden werden, hielt etwa Dr. Heinrich Westen ihr entgegen. Die Tochter des ehemaligen Bundespräsidenten antwortete so prompt und klar, wie es einen von einer von Weizsäcker wenig überrascht: „Es ist undemokratisch, die Bürger nur alle vier Jahre zu beteiligen.“

Der guten Stimmung zwischen den Gesprächsbeteiligten tat der Wortwechsel keinerlei Abbruch. Im Gegenteil. Oft ist es schon wertvoll, sich wechselseitig auch mit unterschiedlicher Meinung oder Wahrnehmung anzuerkennen. Daran krankten im Übrigen auch die innerdeutschen Beziehungen im Jahr 20 nach der deutschen Einheit. „In Deutschland wurde die Einheit juristisch verordnet“, kritisierte Beatrice von Weizsäcker. Die Einheit wäre dann gelungen, wenn es für die Bürger nicht mehr wichtig wäre, wer aus dem Osten oder den Westen stamme. Bis dahin stünden allerdings noch einige Auseinandersetzungen an: „Demokratie ist halt anstrengend“, so von Weizsäcker.

Als keineswegs anstrengend und dennoch gelungen bewertete Organisator Norbert Kahle den Abend: „Das Experiment, eine derartige Veranstaltung gewissermaßen außerhalb der Klostermauern von Bentlage auch mitten im Kiez durchzuführen, ist absolut erfolgreich gelaufen.“

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