Donnerstag, 4. Februar 2010

Begegnungen über den Horizont hinaus

„Wir fliegen zurzeit auf Sicht“, heißt es so schön, wenn keiner weiß, wie es weitergeht. Doch was hält Gesellschaften im Blindflug zusammen, wenn das Kapital als Treibstoff ausfällt? Religion? Kultur? Ideale oder Utopien? Der Rheiner Verein Europa-Brücke scheut sich als Kontinentalverbinder und Forum für politische Kultur genau so wenig vor globalen Fragestellungen wie vor Gastrednern, die gerne Illusionen rauben. Vor Illusionen bewahrt einen bekanntlich nichts so sehr wie der Blick in den Spiegel.
„Mein Abschied vom Himmel“ - Hamed Abdel-Samad ist am 18. Februar Gast der Europa-Bücke im Kloster Bentlage. Ab 20 Uhr stellt er unter diesem Titel sein aufsehenerregendes Buch vor. Aufgewachsen in Ägypten, Studium in Deutschland und Japan, hält er Orient und Okzident gleichermaßen den Spiegel vor. Er zeigt am Beispiel seines eigenen Lebens Spannungen, Konflikte und Möglichkeiten, die in jeder dieser Kulturen existieren. In der arabischen Welt hat der Bericht aus dem Leben eines Muslims in Deutschland eine heftige, aggressive Debatte mit Morddrohungen gegen den Autor ausgelöst.
Ebenfalls auf die Begegnung von Orient und Okzident aber aus ganz anderer Perspektive auf die Funktion von Kultur blickt am 11. März Michael Schindhelm auf Einladung der Europa-Brücke Rheine. Der ehemalige Quantenchemiker und Arbeitskollege von Angela Merkel sollte nach seinem Quereinstieg als Kulturmanager in Dubai eine gigantische Kulturlandschaft inszenieren: mit zehn Museen, vierzehn Theatern, Galerien und Bibliotheken. Kultur sei für die Herrschenden in Dubai die Leimrute gewesen, mit der man Käufer für Immobilien anlocken wollte, so Schindhelm heute. In seinem Buch „Dubai Speed“, das er am 11. März in Rheine vorstellt, beschreibt er, wie im modernen Babylon die Träume im Wüstensand versackt sind.


Spiegel-Redakteur und Bestseller-Autor Jan Fleischhauer, ebenfalls Gast der Europa-Brücke in diesem Frühjahr, hat auch so seine Erfahrungen mit hochfliegenden Träumen. Heute bezeichnet er sich als ausdrücklich resistent gegen Utopien. Seit seinem Coming-Out als Konservativer übt er sich in heiterem Pessimismus. „Unter Linken – Von einem, das aus versehen konservativ wurde“ ist der Titel seines Buches. Ein Rundumschlag, der nichts auslässt: Fleischhauer seziert in seiner autobiographisch angereicherten Bestandsaufnahme lustvoll Befindlichkeiten ideologisch gestählter Gutmenschen. Letzteren spricht er unter anderem die Erfindung eines Karrieremodells zu, das im Wesentlichen auf einer gut inszenierten Opferrolle beruht. Er scheut sich aber nicht, mit eben diesem Status zu kokettieren. Laut seiner Lebensbeichte „überlebte“ Fleischhauer eine Kindheit im linken Bürgertum, ohne Apfelsinen aus Francos Spanien, imperialer Cola und politisch unkorrekter Hamburger. Als selbst ernannter Hamburger „Black Panther“ mit linksbürgerlich-hanseatischen Habitus durchlitt er schon als Jugendlicher tapfer Krisen der Glaubwürdigkeit, die seinen Glauben an die gerechte Sache noch mehr stärkten. Erste Risse in seinem Weltbild bemerkte er, als er über Kohl-Witze nicht mehr lachen konnte. Statt gemeinsam gegen etwas zu sein, pflegte er immer öfter seine persönlichen Positionsbestimmungen. Ohne eigenen Kompass bleiben Anpassung und Rebellion eben doch identisch, dürfte eine seiner vielen Erkenntnisse sein.
Ob aus dem gescheiterten Black Panther wirklich ein Schwarzer geworden ist oder nur ein Links-bürgerlicher, der sich uneingeschränkt wohlfühlen möchte? Nach Lesung der Europa-Brücke mit Jan Fleischhauer am 22. April, wollte man auch in Rheine mehr wissen. Doch die Natur war  einmal mehr mächtiger:  Eine gigantische Aschewolke aus dem isländischen Vulkan Eyjafjallajökull hat im April 2010 den Luftverkehr in ganz Nordwest-Europa ins Chaos gestürzt. Tausende Flüge fielen aus. Hunderttausende Passagiere sitzen fest. Darunter auch Jan Fleischhauer, der keinen rechtzeitigen Flug mehr aus Südafrika bekommen konnte.  Jörg Peterkord

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