Mittwoch, 21. Dezember 2011

Beinahe-Bundespräsident bewegt

Joachim Gauck ist Gast der Europa-Brücke in Rheine

Rheine.  Bewegt und bewegend liest Joachim Gauck aus seiner Autobiografie. Der Beinahe-Bundespräsident, ehemalige Bundesbeauftragte für Stasi-Unterlagen und DDR-Freiheitskämpfer versteht es wie kaum ein Zweiter, mit seinen Schilderungen des Lebens in einem totalitären Regime die Menschen emotional zu berühren. Am 2. Februar um 20 Uhr ist er ab 20 Uhr Gast der Europa-Brücke in Rheine in der Ignatz- Bubis-Aula im Josef- Winkler- Zentrum.
Dass sich die Zugriffzahlen auf Wikipedia-Artikel in den vergangenen Tage verdreifacht haben, dürfte wohl auch im Zusammenhang mit dem Wirbel um den Bundespräsidenten Christian Wulff stehen, gegen den Gauck bei der jüngsten Bundespräsidentenwahl unterlegen war.
Nicht nur für das Regierungsbündnis war die Bundespräsidentenwahl am 30. Juni 2010 kein guter Tag. Die Tatsache, dass erst 44, dann 29 Stimmen aus dem eigenen Lager fehlten, hat nicht allein mit der Begeisterung einiger Unions- und FDP-Wahlmänner und –frauen für Joachim Gauck zu tun. Da zeigte sich auch große Unzufriedenheit. Dass SPD und Grüne nicht ohne die Hilfe der Linken ihren Kandidaten Gauck durchsetzen konnten, markierte ein anderes Dilemma. Mit diesem Tag wurde die Chance verpasst, ein Gemeinschaftsgefühl zu entwickeln, das nicht allein die Regierungskoalition sondern die Politik als solche braucht. Dem Menschen Joachin Gauck spricht bis auf seine Gegner aus dem Umfeld der einstigen Nomenklatura der DDR-Diktatur kaum einer diese Fähigkeit ab, als Persönlichkeit dieses so dringend benötigte Gemeinschaftsgefühl entwickeln zu helfen. Als besonderer Beleg dieser Glaubwürdigkeit wird auch Gaucks aufrichtige Gratulation an Christian Wulff gewertet: „Jetzt sind sie auch mein Präsident“. Gauck zeichnet eben sein Respekt vor demokratischen Gepflogenheiten und Institutionen aus.
Mehr als 100 Mal hat der Beinahe-Bundespräsident inzwischen aus seiner Biographie gelesen, doch noch immer kommen ihm die lange vergrabenen Gefühle nahe, ist er selbst tief bewegt. „Das ist schon sagenhaft“, sagte er jüngst in einem Dorf , wo er aus seiner Autobiografie vor 300 Zuhörern vorlas. Auch dort wurde die sonore Bassstimme des großen Mannes für Momente brüchig, als er von Schicksalsschlägen, Angst und der grotesken Willkür des Systems erzählte und davon, wie er drei seiner vier Kinder in den Westen ziehen lassen musste.
Nachdenklich legen viele Zuhörer die Stirn in Falten, wenn Gauck über die Kostbarkeit der Freiheit spricht, deren Wert man fast vergisst, wenn man wie selbstverständlich an sie gewöhnt ist.
 Jörg Peterkord


Montag, 10. Oktober 2011

Ladestationen der Revolution


"Die Orangen des Präsidenten"





Rheine. "Die Menschen verdienen es, das Schöne zu sehen." Der preisgekrönte Auto Abbas Khider genoss in der Galerie "gegenwART" in Rheine sichtlich den denkbar schönen Rahmen zeitgenössischer Kunst, um sein Publikum auf eine spannende Reise mitzunehmen, das Leben als Kunstwerk zu erleben.

"Literatur und Kunst generell haben eine große Macht", so der 1973 in Bagdad geborene Khider im Gespräch mit Norbert Kahle, Geschäftsführer der Europa-Brücke, die zu dieser Veranstaltung eingeladen hatte. Im Wechsel von kurzen Dialogen und Lesepassagen aus Khiders aktuellem Roman "Die Orangen des Präsidenten" entspann sich ein Galeriegespräch vor dem Hintergrund aktueller politischer Ereignisse im arabischen Raum, das gleichsam tiefsinnig wie unterhaltsam viele Facetten künstlerischen Schaffens spiegelte.

Gefängnishaft, Folter, Hunger, Demütigungen. All dies, was sein Romanheld Mahdi als Abiturient im Irak Saddam Husseins ohne Grund durchleiden musste, kennt der heute in Berlin lebende Schriftsteller Abbas Khider aus eigener Erfahrung. Auch nach seiner Flucht aus dem Irak im Jahr 1996 macht er immer wieder Bekanntschaft mit Gefängniszellen und fristete einige Jahre das Dasein eines "illegalen" Flüchtlings im Westen. Dennoch betrachtet es Khider es als seine vornehmste Aufgabe als Literat, die Schönheiten des Lebens, die sich gerade in der dunkelsten Umgebung und Momenten tiefster Verzweiflung offenbaren, sichtbar zu machen. In diesem Sinne versteht sich Khider als "Schönheitssammler". Dass ausgerechnet die Willkürherrschaft arabischer Despoten, die lange vom vermeintlich aufgeklärten Westen hofiert worden sind, den gesellschaftlichen Rahmen seiner Erzählung bilden, lenkte den Blick auf die aktuelle Lage im arabischen Raum. Viele Menschen dort Raum durchleben eine sehr hoffnungsvolle Zeit der geistigen Befreiung: Die „Jasmin-Revolution“ steht stellvertretend für die Befreiung von Unterdrückung und Gewaltherrschaft. Für Abbas Khider ist diese Revolution ein gemeinschaftliches "Kunstwerk der Menschen aus den Volk". Kunst, Literatur oder Literatur sind für ihn gleichermaßen die Ladestationen des gesellschaftlichen Wandels. Die tatsächlichen Ladestationen der Revolution hat Abbas Khider hautnah auf dem Tahrir-Platz in Kairo erlebt. Als Millionen Ägypter durch ihre beharrlichen Demonstrationen das Mubarak-Regime aus den Angeln hoben, versorgten die Geschäftsleute der Umgebung die Demonstranten kostenlos mit Strom für ihre Handys, damit die Welt von den Vorgängen erfuhr. Die Akku-Ladestationen sind mittlerweile als Ladestationen der Revolution ein fester Begriff.

Bleibt zu hoffen, dass es der Europa-Brücke auch künftig gelingt, Menschen mit weitergehenden Informationen aufzuladen. Die Veranstaltung mit Abbas Khider hätte auf jeden Fall ein breiteres Publikum verdient.  Jörg Peterkord

Mittwoch, 28. September 2011

Die Orangen des Präsidenten


Preisgekrönter Autor: Abbas Khider ist am 6. Oktober Gast der Europa-Brücke in Rheine

Rheine.  Viele Menschen im arabischen Raum durchleben eine sehr hoffnungsvolle Zeit der geistigen Befreiung: Die „Jasmin-Revolution“ steht stellvertretend für die Befreiung von Gefängnishaft, Folter, Hunger, Demütigungen. All dies, was der Abiturient Mahdi im Irak Saddam Husseins ohne Grund durchleiden musste, kennt der in Bagdad geborene Berliner Schriftsteller Abbas Khider aus eigener Erfahrung. Mahdi ist die Hauptfigur in seinem zweiten Roman „Die Orangen des Präsidenten“, aus der der Autor am Donnerstag (6. Oktober) auf Einladung der Europa-Brücke ab 19.30 Uhr in der Galerie „gegenwART“, Osnabrücker Straße 318, lesen wird.
Bewegend erzählt der preisgekrönte Autor darin von einem Schicksal, das dem politischer Gefangener in vielen Diktaturen gleicht. Die Handlung ist inspiriert von eigenen Erlebnissen: „authentisch, nicht autobiografisch“.
Die zweijährige Haft hat Abbas Khider geprägt. Im Gefängnis begegnete er der geistigen Elite seines Heimatlandes und lernte von ihr. Vier Jahre lang war der heute 38-Jährige als Illegaler auf der Flucht. 2000 „strandete“ er auf dem Weg nach Schweden in Bayern, studierte Philosophie und Literaturwissenschaft und begann ein neues Leben in einem Land, in dem er eigentlich nicht bleiben wollte. Gegen das Denken anzuschreiben, auf das sich Diktaturen gründen, sieht Khider als seine Aufgabe als Schriftsteller an.
Die arabische Revolution hat auch ihn gepackt. Er reiste nach Kairo, um den historischen Moment des Aufbruchs der Ägypter in die Freiheit selbst mitzuerleben. Wie ihn die Zeit in Deutschland verändert hat und wie er den Umbruch in der arabischen Welt beurteilt, sind sicherlich spannende Fragen, zu denen sich der Autor äußern wird. Khider vergleicht die Revolution in Ägypten mit einem großen Kunstwerk: „Der Aufstand, die Revolution war wie ein Gedicht, das alle lesen konnten. Zum ersten Mal war die Stimme der neuen, jungen Generation lauter als die Stimme der alten. Zum ersten Mal gab es in der arabischen Welt das Gefühl, dass nicht nur die Amerikaner oder die Islamisten etwas ändern können, sondern die einfachen Menschen alles ändern können.“
Für Abbas Khider sind die Ereignisse auf dem Tahrir-Platz in Kairo beispielhaft: „Die jungen Männer und Frauen aus der Mittelschicht kümmerten sich um Facebook, um das Radio und die Politiker. Und die armen Jungs und Mädels, besonders natürlich die Jungs, haben ihre Muskeln gezeigt und alles organisiert.“ Khider hat im Jahr 2010 den Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis der Robert Bosch Stiftung erhalten. Eintritt zur Lesung: fünf Euro.  Jörg Peterkord


Freitag, 23. September 2011

Sorgen auf der „Insel der Glückseligen“

Rheine.  Die Sorgen um den Fortbestand der Parteien sind auch auf der „Insel der Glückseligen“ angekommen. Mochte der in Berlin tätige Journalist und Buchautor Christoph Seils am Donnerstagabend im Basilika Forum  auch Rheine vergleichsweise als parteipolitisches Idyll  bezeichnen, die Rheiner Kommunalpolitiker teilen in vielen Punkten die pessimistische Prognose. Teilweise so intensiv, dass Seils zu guter Letzt für mehr Gelassenheit plädierte. Die Dramaturgie des Abends auf  Einladung der Kolpingfamilie Rheine-Emstor, der  Europa-Brücke und des Netzwerks Eschendorf erinnerte in weitern Strecken an das Drehbuch einschlägiger TV-Sendungen. Ein alarmierender Titel leitet die Präsentation unheilvoller Zukunftsaussichten ein, die mit großer Betroffenheit aber ohne konkret ableitbare Handlungsanweisungen diskutiert werden.
Der prägnante Buchtitel „Parteiendämmerung oder was kommt nach den Volksparteien?“ wurde denn auch durch bedrohliche Thesen  ausgeschmückt. Für Seils steht außer Frage, dass des künftig keine Volksparteien mehr geben wird, es populistischer zugeht und die Entstehung einer rechtspopulistischen Partei in Deutschland nur noch eine Frage der Zeit ist.
Das politische Spiel der Kräfte habe seine klassischen Spielstätten verlassen und den Parteien schwane schon länger ihr gesellschaftlicher Bedeutungsverlust, skizzierte der Autor ein düsteres Bild der deutschen Parteienlandschaft. „Wo geht die Reise hin, wenn wohlbekannte Partner abhanden gekommen sind?“ In seinem Grußwort formulierte Mitorganisator Norbert Kahle gleichermaßen die Leitfrage auf der dritten Etappe der Eschendorf Lesereise. Zu keinem Zeitpunkt sei  die Skepsis gegenüber den Vertretern des politischen  Betriebs größer als gegenwärtig, so Kahle. Es gebe aber auch Enthusiasten und Überzeugungstäter wie den Niederländer Frans Willeme, der als profilierter Euregio-Politiker, der nichts mehr beweisen musste, als Bürgermeisterkandidat in Nordhorn sehr viel Mut bewiesen habe und letztlich nur knapp gescheitert sei.
Weniger die Parteiendämmerung als vielmehr eine für ihn verstärkt zu beobachtende „Demokratie-Skepsis“ ist für Ratsmitglied Rainer Ortel (Alternative für Rheine) ein ungleich bedenklicheres Signal. Immer wieder höre er, dass die Chinesen alles viel effektiver gestalten. Die Menschenrechtsfrage werde gar nicht mehr gestellt. „Die Chinesen werden nicht in Europa die Demokratie abschaffen, ehe wird China demokratischer“, hielt Autor Christoph Seils dieser Einschätzung entgegen. Gleichzeitig warb er für mehr Gelassenheit.
Einen ungleich positiven Ansatz vertrat an diesem Abend der SPD-Ortsvereinsvorsitzende Dominik Bems, der Seils auch in den meisten Einschätzungen der Lage folgte. Dennoch sei die so genannte Parteiendämmerung auch eine Chance für die Parteien. Es gehe auch darum zu vermitteln, dass es sich lohnt, als politisch engagierter Mensch Parteilmitglied zu werden, weil man eben auch an Entscheidungsprozessen beteiligt wird. Jörg Peterkord

Mittwoch, 21. September 2011

Europa hat es im Moment nirgendwo leicht


Rheine.  „Es war eine große Chance, ein Signal für Europa mit überregionaler Ausstrahlung zu setzen“, bedauert Norbert Kahle, Kreistagsmitglied und Geschäftsführer der Europa-Brücke, die denkbar knappe Niederlage von Frans Willeme bei der Bürgermeister-Wahl in Nordhorn.
Der Niederländer war mit Unterstützung von CDU, FDP, UWG und teilweise von den Grünen in den Wahlkampf gestartet. Am Ende fehlten Willeme lediglich 56 Stimmen.
Willeme sei ein europäischer Enthusiast reinsten Wassers, der es auch verstünde, komplizierteste Sachverhalte klar und verständlich rüberzubringen. Als Ex-Präsident der Euregio genieße er über die Parteigrenzen hinaus große Anerkennung.
Der Wahlausgang beschreibt für Kahle, der auch als Mitarbeiter des Europaabgeordneten im Münsterland, Dr. Markus Pieper, tätig ist, ein Dilemma: Manchmal sei der Politik-Betrieb schon viel weiter, als die Politiker in der Lage wären, es der Bevölkerung zu vermitteln.
Zumal vor dem Hintergrund der gegenwärtig diffus um sich greifenden Europafeindlichkeit wäre die Wahl Willemes jetzt ein ungleich positiveres Signal gewesen.
Als Bürgermeister Nordhorns wird jetzt der 44-jährige Thomas Berling seinen SPD-Kollegen Meinhard Hüsemann beerben, Berling hatte vor der Wahl versprochen, seinen Erfolgskurs, den er als Direktor des Tierparks gefahren hatte, auch auf die Stadt Nordhorn anzuwenden. Schon am Wahlmorgen hatte er gesagt: Ihm reichten 50 Prozent und eine Stimme zum Sieg. Jetzt waren es noch 56 Stimmen mehr. In Zukunft wolle er diejenigen, die ihn nicht gewählt haben überzeugen, dass er der richtige Bürgermeister sei, so der glückliche Wahlgewinner am Sonntagabend.
Frans Willeme war bereits Bürgermeister in seinem Heimatland. Er zeigte sich enttäuscht über die Niederlage, gratulierte Berling aber fair zum Sieg. Der Niederländer war zuvor schon Bürgermeister — jenseits der deutschen Grenze, in Dinkelland. Dort regierte er bis 2008 und blickt auf einen reichen Erfahrungsschatz in Sachen Kommunalpolitik zurück. Als Bürgermeisterkandidat hatten ihn die Nordhorner CDU, die FDP und die Wählerinitiative Pro Grafschaft aufgestellt. Willeme ist auch enttäuscht, dass viele Menschen ihn nach seiner Ansicht nicht gewählt haben mit der Begründung, dass er kein Deutscher sei: „Als Präsident der Euregio a.D. sage ich dann: Das schmerzt ein bisschen. Aber da sieht man, dass in der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit in der Euregio noch viel geleistet werden muss.“ Immerhin: Andernorts wurde das Signal gesehen. Für seinen Mut und das unkonventionelle Vorgehen hat der Niederländer Willeme von der Berliner Morgenpost die Note 1 erhalten. Jörg Peterkord


Freitag, 2. September 2011

Die Schwindsucht der Volksparteien

„Parteiendämmerung oder was kommt nach den Volksparteien?“

Deutschland 2011: Wutbürger treiben ratlose Politiker vor sich her.  In Bayern kündigt sich gleich eine doppelte Revolution an. Münchens Oberbürgermeister Christian Ude will bei der Landtagswahl 2013 als Spitzenkandidat der SPD antreten und den Ministerpräsidenten Horst Seehofer herausfordern. Warum sollte in Bayern nicht möglich sein, was in Baden-Württemberg möglich war? Demoskopen geben Ude schon vor der offiziellen Kandidatenkür durch seine Partei gute Chancen.
Krise oder Wandel, Instabilität oder Flexibilität? Wofür steht der Schwund der Volksparteien, wie  beim CSU-Debakel in Bayern oder dem Siechgang der Sozialdemokraten auf Bundesebene sichtbar? Was kommt nach den Volksparteien? Einen  Einblick in die Gegenwart der deutschen Parteiendemokratie liefert am 15. September ab 19.30 Uhr im Basilika-Forum Christoph Seils. Er präsentiert sein Buch „Parteiendämmerung — was kommt nach den Volksparteien?“. In seinem Essay analysiert Christoph Seils den gegenwärtigen Umbruch der politischen Verhältnisse und geht der Frage nach, wie eine neue Demokratie in Deutschland aussehen könnte.
Die Volkspartei ist für Seils ein deutscher Mythos. Stolz tragen CDU und SPD diesen Ehrentitel. Doch die beiden großen Parteien haben längst nichts mehr gemein mit denen der vergangenen Jahrzehnte. Charismatische Politiker wie Willy Brandt und Helmut Schmidt oder Konrad Adenauer und Helmut Kohl sind ohne Nachfolger geblieben. Die politischen Milieus haben sich aufgelöst, und an die Stelle der ideologischen Konflikte des 20. Jahrhunderts sind egoistische Gruppeninteressen getreten. Die digitale Revolution, die Globalisierung und die Einwanderung haben zudem völlig neue gesellschaftliche Konflikte auf die politische Agenda gesetzt. Die Deutschen haben zugleich das Vertrauen in den Gestaltungswillen der Politik verloren. Das Parteiensystem hat sich von einem Drei in ein Fünf-Parteien-System transformiert, eine sechste Partei könnte bald folgen.
Die Volksparteien, so die These von Christoph Seils, haben sich historisch überlebt. Die Parteiendämmerung gehe einher mit mehr Populismus, mehr Lobbyismus, mehr Medienmacht und politischer Instabilität. So gesehen stellt der Umbruch der politischen Verhältnisse die Gesellschaft vor große Herausforderungen: Die in ihrer Existenz bedrohten Parteien müssten sich grundlegend wandeln, wenn die Demokratie in Deutschland nicht insgesamt Schaden nehmen soll, mahnt Seils.
Veranstaltung: „Parteiendämmerung oder was kommt nach den Volksparteien?“,  15. September, 19.30 Uhr
Ort: Basilika Forum, Osnabrücker Straße 34, 48429 Rheine, Veranstalter: Verein Europa-Brücke Rheine, Kolpingsfamilie Rheine-Emstor, Netzwerk-Eschendorf. Jörg Peterkord

Dienstag, 5. Juli 2011

Europa Forum Münsterland

Münster. Diktatoren und Könige müssen ihre Völker fürchten. Keine Frage: Nach den Umwälzungen in Osteuropa hat kein Ereignis so sehr die Befindlichkeiten der Europäischen Union berührt wie die
derzeitige Revolution in den Maghreb-Staaten.

Die Probleme und Motive der oft jungen und studierten Demonstranten aus der „Facebook Generation“, die die Befreiungsbewegung wesentlich prägen, sind sehr ähnlich. Ganz gleich, ob sie aus Tunesien, Algerien, Libyen, Syrien, dem Jemen kommen oder am Persischen Golf leben. Es ist die Ohnmacht angesichts von Arbeitslosigkeit, Korruption, Nepotismus, sozialer
Misere, Polizeistaat und Folter, die sie auf die Straße gehen lässt.
Der politische und wirtschaftliche Umbau der arabischen Welt ist inzwischen eine fast unlösbare Aufgabe: Armut, Bevölkerungsexplosion, fehlende Bürgergesellschaft, überkommene Traditionen und die nie vollzogene Säkularisation des Islam. Die in Nordafrika seit Jahrzehnten regierenden Herrscher haben die Probleme ignoriert. Jetzt fürchten sie das „Gorbatschow -Phänomen“: Wer nicht reformiert, wird „weggeputscht“. Denn sie wissen, die Kraft zu einer Alternative mit mehr politischer und sozialer Gerechtigkeit haben sie nicht mehr.
Doch wie definiert sich die Rolle Europas bei diesem Epochenwechsel? Im Lichte der deutschen Enthaltung anlässlich der Libyenresolution im UN-Sicherheitsrat auf der einen und der französisch-britischen Unterstützung der dortigen Freiheitsbewegung auf der anderen Seite, kann von einer gemeinsamen europäischen Außen- und Sicherheitspolitik kaum noch die Rede sein. Welche Gefahren birgt der Fall der alten arabischen Regime für Israel? Und schließlich: Wie groß ist die Gefahr, dass die Islamisten bei mehr politischer Freiheit nach der Macht greifen? Fragen über Fragen zu einem komplexen und hochbrisanten Themenfeld der internationalen Politik, das auch zutiefst die Interessenlage Europas berührt. Diese will unsere Veranstaltergemeinschaft auf dem 2. Europaforum Münsterland mit einem hochkarätig besetzten Podium diskutieren.

Dienstag, 17. Mai 2011

Andreas Englisch: Der Wunderpapst

Rheine. Ein Hauch von „Santo Subito“ lag über der Rheiner Kirche St. Marien. Die in Sprechchören und auf Transparenten bei der Trauerfeier im Jahr 2005 geforderte sofortige Heiligsprechung („Santo Subito“) von Karol Wojtyla wird sicherlich für viele auf den voll besetzten Kirchenbänken zwischen den Worten von Andreas Englisch nachgeklungen haben — so anschaulich wusste der Vatikankorrespondent von seinem Erleben eines außergewöhnlichen Papstes und Menschen zu berichten. Auf Einladung der Europa-Brücke stellte er sein aktuelles Buch „Der Wunderpapst“ vor. Kaum ein Journalist kam dem Kirchenoberhaupt so nahe wie Andreas Englisch, der Johannes Paul II. auf seinen Reisen begleitete und Anteil nahm an den Krisen und Höhepunkten seiner bewegten Amtszeit.
 „Der Wunderpapst“ ist ein sehr persönliches Buch über den Menschen Karol Wojtyla, der das Amt des Papstes grundlegend revolutionierte. Wie persönlich dieses Buch für den Autor ist, war für alle Zuhörer besonders deutlich geworden, als Andreas Englisch seine letzte persönliche Begegnung mit dem Papst beschrieb. Papst Wojtyla ließ seinerzeit Andreas Englisch in den Vatikan einbestellen, um ihm noch die Zeichnung, die einst Englisch´ Sohn bei einer Bischofssynode angefertigt hatte, mit seiner Unterschrift auszuhändigen. „Wirklich kann man die wirklich großen Männer daran erkennen, dass sie die Kleinen nicht vergessen“, schloss Englisch seinen Vortrag mit brüchiger Stimme. Andreas Englisch berichtete auch in von vielen anderen, bislang geheim gehaltenen Fällen für ihn verbürgter Wunderheilung, die sich schon zu dessen Lebzeiten auf Auslandsreisen des Papstes zugetragen haben und die er selbst aus der Nähe beobachten oder persönlich nachrecherchieren konnte. Darüber hinaus sei Papst Johannes-Paul II. selber für ihn „das größte Wunder“ gewesen. Im Zuge des Heiligsprechungsverfahrens werden vom Vatikan nur Wunder anerkannt, die sich nach dem Ableben des Papstes ereignet haben. Daraus ergibt sich für Englisch die Frage: „Warum hält sich Gott nicht an die Regeln der Katholischen Kirche?“ „Man wird nicht nur nach dieser Veranstaltung noch viel über diesen Jahrtausend-Papst in Rheine hören“, so Norbert Kahle, Geschäftsführer der Europa-Brücke. Das historische Vermächtnis Karol Wojtylas habe besonders in der in Osteuropa stark engagierten St.-Mariengemeinde eine große Strahlkraft. Jörg Peterkord

Samstag, 23. April 2011

Mutprobe - Zivilcourage kann man lernen

Rheine. (jpe) Mutprobe? Das klingt nach Jungs-Spielen, Regenwürmern im Mund, Sprüngen aus luftiger Höhe, gewagten Aktionen ohne Sinn und Verstand, die dennoch die Beherztheit des oder der Handelnden vor Publikum unter Beweis stellen. Mut scheint immer dann sichtbar zu sein, wenn Menschen selbstgesteckte Grenzen überwinden. "Der ist aber mutig!" In dem Satz schwingt heutzutage leider allzuoft auch der Zweifel an der Intelligenz des Akteurs mit.
Jeder beobachtet es an sich selbst oder kennt Beispiele aus seiner unmittelbaren Umgebung: Menschliches Handeln wird häufiger von Gleichgültigkeit, Gleichmut und Nachlässigkeit bestimmt als von Mut, Einsatz und Tatkraft. "Gerade in jüngster Zeit glauben wir, ein ,Mut-Defizit' vor allem in zwei Bereichen festzustellen. Bei den Vertretern unserer Eliten, vor allem jedoch in der Politik, mangelt es an Mut zur unbequemen Wahrheit", stellt Sigmund Gottlieb fest. Der langjährige Chefredakteur des Bayerischen Fernsehens stellt sein hochaktuelles  Lebenshilfebuch "Mutprobe - Zivilcourage kann man lernen" am 26. Mai 2011 um 19.30 Uhr im Kloster Bentlage in Rheine vor. Die Veranstalter, der Verein Europa-Brücke und die Wirtschaftsvereinigung Steinfurt...


...freuen sich auf einen im besten Sinne des Wortes bewegenden Abend.
„Ich habe drei Schätze, die ich hüte und hege. Der eine ist die Liebe, der zweite ist die Genügsamkeit, der dritte ist die Demut. Nur der Liebende ist mutig, nur der Genügsame ist großzügig, nur der Demütige ist fähig zu herrschen“, heißt  es bei Laotse. Der legendäre chinesische Philosoph soll im 6. Jahrhundert v. Chr. gelebt haben. Das Thema ist also zeitlos. Aber warum haben wir heute den Eindruck mehr denn je darüber sprechen zu müssen?
Mut machen möchte Sigmund Gottlieb all jenen, denen es an Zivilcourage mangelt. Er geht mit gutem Beispiel selbstbewusst voran, indem er sein mutig-sympathisches Porträt den Umschlag füllen lässt. Das Buch ist interessant und lehrreich zugleich. Mit vielen Beispielen von Mut und Mutlosigkeit aus dem Alltagsleben und der Politik gewürzten Analysen glänzt es zudem mit einem hohen Unterhaltungswert. Das Buch will Überzeugung wecken, dass man Zivilcourage lernen kann. Gottliebs Philippika gegen Gleichgültigkeit und für Engagement mündet in einem Zehn-Punkte-Programm, wie sich Mut (www.mut-probe.de) proben lässt.

Mittwoch, 23. März 2011

Eschendorfer Lesereise in die Gegenwart

Netzwerk Eschendorf und Europa-Brücke Rheine veranstalten Lesereise


Rheine. (jpe) Normalerweise führen Leserreisen Reisende gerne mal in die Vergangenheit und gleichsam auf die Spurensuche nach Zeugnissen vergangener Epochen an ferne Orte. Eine ungleich spannendere Reise in die Gegenwart — ganz ohne Koffer — bietet jetzt der Verein Europa-Brücke gemeinsam mit dem Bürgerverein Netzwerk Eschendorf an. Die „Eschendorfer Lesereise“ führt ab April an die Osnabrücker Straße in Rheine. „Jede Stadt verfügt über besondere Straßen. Zweifellos ist die Osnabrücker Straße so eine — nicht nur als zentrale Anwohner- und Einkaufstraße des Stadtteils Eschendorf sondern für ganz Rheine“, so Landrat Thomas Kubendorff, der die Schirmherrschaft für die Veranstaltungsreihe übernommen hat.
Mit Lena Gorelik beginnt die Eschendorfer Lesereise.
Die Reise beginnt am 7. April mit der Autorin Lena Gorelik, die um 19.30 Uhr bei Kreativ & Hobby, Osnabrücker Straße 264, aus ihrem Buch „Lieber Mischa, Du bist ein Jude“ liest. Mitveranstalter ist die DIG Rheine/Nordmünsterland.
Lena Gorelik gehört der neuen Generation junger Juden in Deutschland an, die sich über ihre Zukunft, nicht über ihre Vergangenheit definieren wollen. Dazu passt perfekt, dass sie gerade Mutter geworden ist: In ihrem neuen Buch erklärt Lena Gorelik ihrem Sohn nicht nur präventiv, wie er sich später einmal ihrer mütterlichen Fürsorge entziehen kann. Sondern auch, warum bei Festen immer viel geweint wird, obwohl seine Eltern nicht gläubig sind. Warum sein Großvater lieber Sudokus macht als in der Thora liest. Warum er auf seine Nase und seine Ohren stolz sein kann. Wie er die Weltherrschaft erlangt, auch wenn er kein Rothschild ist.
Lena Gorelik, geboren 1981 in St. Petersburg, kam 1992 mit ihrer russisch-jüdischen Familie nach Deutschland. Sie veröffentlichte bisher die Romane „Meine weißen Nächte“ und „Hochzeit in Jerusalem“.
Deutschland ein exotisches Land? Wieso eigentlich nicht? Es kommt nur auf die Perspektive an! Vom Orient gen Okzident geblickt, offenbart sich das Land im Westen als durchaus wild, wunderlich und, ja, exotisch. Ob Sesam-Syrer oder Ayran-Anatole, der orientalische Besucher deutscher Gefilde muss sich auf Ungewöhnliches und unheimlich Komisches gefasst machen, besucht er die immergrüne und wetterdurchwachsene Republik. Sagt einer, der es wissen muss: Kabarettist, und Buchautor Kerim Pamuk. Er präsentiert sein Buch „Allah verzeiht, der Hausmeister nicht“ am 9. Juni in der Galerie „gegenwArt“, Osnabrücker Straße 318.
Christoph Seils
Einen eindrucksvollen Einblick in die Gegenwart der deutschen Parteiendemokratie liefert am 15. September im Basilika Forum Christoph Seils. Er präsentiert sein Buch „Parteiendämmerung — was kommt nach den Volksparteien?“.
Matthias Küntzel
Der unlängst von der Anti-Defamation Legue mit dem Menschenrechtspreis 2011 ausgezeichnete Autor Matthias Küntzel liest am 10. November in der Johannes-Kirche aus seinem Buch „Die Deutschen und der Iran“. Der Abend in Kooperation mit der DIG/Nordmünsterland widmet sich der Geschichte und Gegenwart einer verhängnisvollen Freundschaft.
Karten im Vorverkauf sind erhältlich beim Buchhandel Kreativ & Hobby, der Galerie „gegenwArt“, der Kolpingsfamilie Rheine-Emstor im Basilika-Forum und bei der Johannesgemeinde.

Montag, 14. Februar 2011

Ein großer Präsident


Europa-Brücke: Jörg Nagler stellt Lincoln-Biographie vor
Rheine. Obama-Rausch? Lincoln-Fieber? Derartige Begeisterung für Politik hat mit dem Alltag der meisten Menschen so viel gemein wie eine günstig verlaufene Grippe. Sie weht einen heftig an und ist meistens schnell wieder verflogen. Von der Begeisterung für Politiker geht dieser Tage noch weniger „Gefahr“ aus. Hierzulande mag es auch am Personalangebot liegen, ausschließlich gleichermaßen geadelten wie gegelten Ausnahmen vielleicht.
Der in Jena lehrende Nordamerikanist Jörg Nagler ist am 24. Februar ab 19.30 Uhr Gast der Europa-Brücke im Kloster Bentlage. Er hat eine nüchterne wie kritische Biografie eines politischen Säulenheiligen vorgelegt.
Abraham Lincoln rettete den jungen Staat, er beendete die Sklaverei: Das steht über Abraham Lincoln in jedem Geschichtsbuch. Aber wer war dieser Mann ansonsten? Jörg Nagler hat einen genaueren Blick gewagt – distanziert und fair zugleich. Dem in Jena lehrende Historiker ist es gelungen, Lincolns politische Lebensleistung, auf die sich auch US-Präsident Barack Obama gerne beruft, ausführlich zu würdigen, aber er benennt auch die Opfer, die Lincolns Weg pflasterten. Es ist gilt als Naglers großes Verdienst, auf Kollateralschäden im Leben eines Mannes aufmerksam gemacht zu haben, dem durch Barack Obamas Präsidentschaft erneut messianische Züge zugeschrieben werden.
Nagler zeigt die inneren Brüche und Widersprüchlichkeiten der komplexen Persönlichkeit Lincolns, schildert die tief greifenden Wandlungen Amerikas in der Zeit von 1800 bis 1865 und bringt uns so in seinem lebendig geschriebenen Buch den Präsidenten, der wenige Tage nach dem Ende des Bürgerkrieges als erster Präsident der USA einem Attentat zum Opfer fiel und die wohl dramatischste Epoche in der Geschichte der USA nahe.
Eintrittskarten (fünf/zwei Euro) zur Lesung sind an der Abendkasse im Kloster Bentlage erhältlich. Anschließend gibt es Gelegenheit zur Diskussion. -jpe-

Freitag, 28. Januar 2011

"Mit dem Biosprit steigt der Hunger"

Kein Brot für die Welt: Vortrag des Ernährungsexperten Wilfried Bommert aus Einladung der Europa-Brücke

Rheine. Dürrekatastrophen, Missernten, Hungersnöte: Es ist ein durchweg düsteres Bild, das der Autor und Ernährungsexperte Wilfried Bommert in seinem Werk "Kein Brot für die Welt" malt. Bommert ist sich sicher: Der Hunger kehrt zurück - und mit ihm die blutigen Aufstände.
Auf Einladung der Europa-Brücke und der Evangelischen Johanneskirche hielt er am Mittwochabend in Rheine einen Vortrag über die drohende Welternährungskrise. Bommert sprach von einer dramatischen Entwicklung: Im Jahre 2030 werde es bereits über zwei Milliarden Hungernde geben. Momentan liegt die Zahl der weltweit hungernden Bevölkerung noch bei einer Milliarde. "Die Welternährungskrise entwickelt sich zu einer der großen globalen Bedrohungen des 21. Jahrhunderts", so Bommert. Die Gründe für Ernteausfälle und Hungersnöte seien vielfältig. Bommert nannte den Klimawandel als Ursache für Dürreperioden und Überschwemmung.
Aber auch der Boom des Biosprits stellt für den Journalisten und Ernährungexperten eine zunehmende Gefahr dar. "Ackerflächen werden nicht mehr zum Getreideanbau für Grundnahrungsmittel genutzt, sondern für Spritpflanzen", sagt Brommert  - und warnt:  "Um 40 Liter Biosprit herzustellen werden 100 Kilogramm Getreide benötigt. Eine Tankfüllung enthält also die Zutaten für 100 Brote." Bommerts These: "Mit dem Biosprit steigt der Hunger!" Zudem trage der zunehmende Fleischkonsum zu dieser verheertende Entwicklung bei. "In einem Kilo Steak stecken zehn Kilo Getreide. Das fehlt dann den Menschen, die sich kein Fleisch leisten können", so der Ernährungexperte.
Damit nicht genug: Ein weiteres Problem stellt in den Augen des Schriftstellers die rasant steigende Weltbevölkerung dar. "Hochrechnungen gehen davon aus, dass im Jahre 2050 knapp zehn Milliarden Menschen auf unserem Planeten leben. Um diese Bevölkerungsanteil versorgen zu können, muss die Ernte um ganze 100 Prozent steigen", sagt Bommert.
Zwar seien die Regale in den Supermärkten noch prall gefüllt. Aber Bommert zieht bereits erste Anzeichen für die bevorstehende Welternährungskrise. "Vor allem in den Afrika gehen die Menschen auf die Straße, weil sie kein Essen mehr haben. Die zurückliegende Dürreperiode in Russland hat einen Großteil der Ernten vernichtet. In den letzten sechs Monaten sind die Preise für Zucker, Weizen und Speiseöl um 100 Prozent gestiegen", warnt Bommert.
Die Zuhörer stellten sich die Frage, welche Maßnahmen sie konkret ergreifen können, um zur Verbesserung der Lage beizutragen. Bommert rät: "Man könnte gelegentlich mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren, Fair-Trade-Produkte kaufen und weniger Fleisch essen." Wenn die Politiker nicht aktiv werden, dann müsste die Zivilbevölkerung Maßnahmen ergreifen. -jpe-


Mittwoch, 10. November 2010

"Demokratie ist halt anstrengend"


Beatrice von Weizsäcker: „Warum ich mich nicht für Politik interessiere“
Rheine. (jpe) Während sich zeitgleich im Wendland der langwierigste Castor-Transport aller Zeiten vorbei an frierenden Polizisten und Demonstranten quälte, freute sich die Publizistin Beatrice von Weizsäcker am Montagabend in Rheine — auch über zahlreiche interessierte Zuhörer ihrer Buchlesung in Eschendorf. Von Weizsäcker sieht in den sich häufenden Großprotesten von Bürgern in Deutschland ein Hoffnungszeichen für die Demokratie. Daran ließ sie auch im Gespräch mit Rainer Ortel auf Einladung der Europa-Brücke und des Bürgervereins Netzwerk Eschendorf keinen Zweifel. Im Bastelladen Kreativ & Hobby stellte sie ihre Bücher „Warum ich mich nicht für Politik interessiere“ und „Die Unvollendete - Deutschland zwischen Einheit und Zweiheit“ vor.
„Endlich fühle ich mich in der Demokratie wieder lebendig“. Diesen Satz habe sie unlängst von einer älteren Demonstrantin gegen Stuttgart 21 gehört. „Dies zeigt das Bedürfnis der Menschen, sich wieder zu beteiligennach der langen Parteien-und Politikverdrossenheit“, sagte die 52-Jährige, die den Deutschen Evangelischen Kirchentag im Juni 2011 in Dresden mit vorbereitet. Nicht alle Zuhörer mochten ihrer Einschätzung folgen. Es gebe eine generelle Stimmung gegen Allesmögliche, jedoch keine Begeisterung für bestimmte Projekte. Die Dinge müssten halt im Parlament entschieden werden, hielt etwa Dr. Heinrich Westen ihr entgegen. Die Tochter des ehemaligen Bundespräsidenten antwortete so prompt und klar, wie es einen von einer von Weizsäcker wenig überrascht: „Es ist undemokratisch, die Bürger nur alle vier Jahre zu beteiligen.“

Der guten Stimmung zwischen den Gesprächsbeteiligten tat der Wortwechsel keinerlei Abbruch. Im Gegenteil. Oft ist es schon wertvoll, sich wechselseitig auch mit unterschiedlicher Meinung oder Wahrnehmung anzuerkennen. Daran krankten im Übrigen auch die innerdeutschen Beziehungen im Jahr 20 nach der deutschen Einheit. „In Deutschland wurde die Einheit juristisch verordnet“, kritisierte Beatrice von Weizsäcker. Die Einheit wäre dann gelungen, wenn es für die Bürger nicht mehr wichtig wäre, wer aus dem Osten oder den Westen stamme. Bis dahin stünden allerdings noch einige Auseinandersetzungen an: „Demokratie ist halt anstrengend“, so von Weizsäcker.

Als keineswegs anstrengend und dennoch gelungen bewertete Organisator Norbert Kahle den Abend: „Das Experiment, eine derartige Veranstaltung gewissermaßen außerhalb der Klostermauern von Bentlage auch mitten im Kiez durchzuführen, ist absolut erfolgreich gelaufen.“ Jörg Peterkord

Samstag, 16. Oktober 2010

Seyran Ateş eröffnet morgen erste Jüdische Galerie Westfalen in Rheine


Rheine. (jpe) Für Seyran Ateş ist das Bekenntnis zur Toleranz und Vielfalt eine gelebte Tatsache des Lebens und mehr als der Pflichtteil einer Sonntagsrede. Letztere wird sie morgen um 15 Uhr zur Eröffnung der ersten Jüdischen Galerie Westfalen in Rheine halten. "Ich bin bekennende und gläubige Muslim, und glaube, dass wir mit vielen transkulturellen Identitäten in einem gemeinsamen Land leben können." Daher sei es für sie, die unter Muslimen, Christen und Juden enge Freunde habe, eine große Ehre, die Ausstellung "Mitten im Leben" mit Werken des jüdischen Künstlers Michail Schnittmann im Einkaufszentrum eec gegenüber der GAB (1. Stockwerk) zu eröffnen.
Thilo Sarrazins Thesen zur vererbaren Dummheit haben sich schon selbst abgeschafft, in dem der Autor einen Rückzug machte. Der Grundton der Debatte hallt indes nach. Da wurde Fußballstar Mesut Özil, Symbol für gelungene Integration, beim Länderspiel gegen die Türkei von den türkischen Fans gnadenlos ausgepfiffen. Der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer heizte die Debatte weiter an, indem er in einem Interview einen Zuwanderungsstopp für Türken und Araber fordert. Dann sorgten Lehrer aus Schulen in Berliner Problembezirken für Aufsehen. Ihre Anklage: Dort wo deutsche Schüler inzwischen in der Minderheit sind, seien sie vor allem von arabischen und türkischen Mitschülern einer zunehmenden Deutschfeindlichkeit ausgesetzt, würden gemobbt und ausgegrenzt.
Seyran Ateş hat sich in der RBB-Sendung "Klipp & Klar" vor einigen Tagen eben klipp und klar zum Thema geäußert und die Deutschenfeindlichkeit in den Problembezirken angeprangert. Dazu wird sie in Rheine genauso klar Stellung beziehen wie zu den Aussagen von Bundespräsident Christian Wulff, der Islam sei Teil der deutschen Gesellschaft. Aber auch zu den Thesen Thilo Sarrazins will sie nicht schweigen: "Ich werde ganz klar sagen, dass ich zu den genetisch deformierten Menschen gehöre," betont sie im Gespräch mit unserer Zeitung nicht ohne Ironie.
Seyran Ateş, 1963 in Istanbul geboren, lebt seit 1969 in Deutschland. Sie ist Autorin und arbeitete bis 2006 als Rechtsanwältin mit eigener Kanzlei. Ihr wurden zahlreiche Auszeichnungen verliehen, darunter das Bundesverdienstkreuz (2007) und der Verdienstorden der Stadt Berlin (2008). Jörg Peterkord








Dienstag, 20. April 2010

Linke Glaubensgemeinde?


Rheine. „Endlich mal Rock gegen Links“, jubeln die einen, andere fluchen tief gekränkt: Sein bewusst polemisch gehaltenes Buch „Unter Linken“ hat dem Spiegel-Autor Jan Fleischhauer nicht nur neue Freunde beschert. Auf Einladung der Europa-Brücke ist er  Gast im Kloster Bentlage.  Im Vorfeld stand er Jörg Peterkord für ein Interview zur Verfügung.

Sie leben jetzt seit fast einem Jahr als geouteter Konservativer. Wie hat sich Ihr Leben verändert?
Jan Fleischhauer: Ich habe viele neue Freunde und ein paar Feinde gewonnen.

Sind das viele unerwartete neue Freunde und Feinde?
Jan Fleischhauer: Viele Leser sind einfach froh, dass jemand mal aufgeschrieben hat, was sie schon so geahnt, aber nie so gelesen haben. Was die Gegenreaktion angeht, hat sich in einer Reihe von Rezensionen schon eine große Empörung mitgeteilt. Die Linke hat es nun einmal nicht besonders gern, wenn man sich über sie lustig macht. 

In Ihrem Buch schreiben Sie, dass Linke und Liberale sich im Grunde genommen ähnlicher sind, als sie es vermuten. Wie stellt sich das dar?
Jan Fleischhauer:
 Ich glaube, dass beide ein unrealistisches, wenn nicht naives Weltbild haben. Der Linke muss ja davon ausgehen, dass, wenn er erst die gesellschaftlichen Verhältnisse verändert hat, sich alle Menschen an die Hände fassen und ihr Bestes tun, auch wenn für den Einzelnen nicht mehr herausspringt als für den Nachbarn. Die Marktgläubigen wiederum leugnen nicht die Gier des Menschen als Antriebskraft, gehen aber davon aus, dass schon alles gut wird, wenn wir uns alle gemeinsam gierig verhalten, ein Irrglaube, wie spätestens die Finanzkrise gezeigt hat.

Das Buch ist ja zu einem Zeitpunkt erschienen, als die Finanzkrise voll ausgebrochen war und viele Forderungen der Linken wieder mehr Aufmerksamkeit gefunden hatten. Hat sich die Resonanz auf das Buch seither verändert?
Jan Fleischhauer: Das Buch handelt von der Linken als politischer Glaubensformation, und die ist erstaunlich krisenunempfindlich. Die hat ja auch den Zusammenbruch des Kommunismus überlebt. Das ist das Schöne an der Linken. Die Weltreiche können im Staub versinken, aber die Ideen bleiben. An dieser Haltung hat sich ja nichts verändert. 

Ist es nicht so, dass Sie in der Debatte um das Buch in erster Linie als politischer Agent einer bestimmten Sache wahrgenommen werden und weniger als jemand, der ein Milieu beschreibt, das er offensichtlich gut kennt?
Jan Fleischhauer: Am schmerzhaftesten für die Linke ist sicherlich, dass hier jemand mit einer Lust an der Provokation und der spitzen Formulierung schreibt, der sie nicht für ihre moralische Überlegenheit lobt, wie sie das gewohnt ist, sondern ihr diese moralische Autorität abspricht und sie auch noch verspottet. Die Linken sind Kritik nicht wirklich gewohnt, jedenfalls nicht in dieser Grundsätzlichkeit. In dem Milieu, in dem sie vor allem tonangebend sind, nämlich der Meinungswirtschaft, sind fast alle links. Ich kann das beurteilen: Ich arbeite seit 20 Jahren als Journalist.

Sie haben in Ihrem Buch beschrieben,dass nach Brandts Wahl ganze Heerscharen von Studenten in die SPD eingetreten sind. Welche Folgen hatte das für die Vertretung der Arbeitnehmer?
Jan Fleischhauer: Die arbeitende Bevölkerung ist dann ja ausgetreten. Da beginnt ja mit dem massenhaften Eintritt der jungen Studenten auch der Untergang der SPD. Die Studenten wälzen im Ortsverein dann ihre eigenen Probleme und die arbeitenden Sozialdemokraten gehen vor der Beschlussfassung nach Hause, weil sie morgens früh raus müssen.

Worauf dürfen wir uns einstellen. Kommen zu Ihren Lesungen ehe die Linken, die sich noch einmal an Ihnen abarbeiten wollen, oder fühlen sich die Leute hingezogen, denen sie mit Ihrer Beschreibung der Linken aus der Seele sprechen?
Jan Fleischhauer: Es gibt beides. Einmal kommen die Leute, die sich bestätigt sehen. Die erleben in der Regel zwei vergnügliche Stunden. Ich habe auch andere Lesungen gehabt, bei denen ich ausschließlich auf Widerstand gestoßen war. Als ich in Hamburg bei der taz eingeladen war, hatte ich eine Diskussion mit Karl Lauterbach, sozusagen links und rechts. Das war aber auch ganz lustig.

Donnerstag, 4. Februar 2010

Begegnungen über den Horizont hinaus

„Wir fliegen zurzeit auf Sicht“, heißt es so schön, wenn keiner weiß, wie es weitergeht. Doch was hält Gesellschaften im Blindflug zusammen, wenn das Kapital als Treibstoff ausfällt? Religion? Kultur? Ideale oder Utopien? Der Rheiner Verein Europa-Brücke scheut sich als Kontinentalverbinder und Forum für politische Kultur genau so wenig vor globalen Fragestellungen wie vor Gastrednern, die gerne Illusionen rauben. Vor Illusionen bewahrt einen bekanntlich nichts so sehr wie der Blick in den Spiegel.
„Mein Abschied vom Himmel“ - Hamed Abdel-Samad ist am 18. Februar Gast der Europa-Bücke im Kloster Bentlage. Ab 20 Uhr stellt er unter diesem Titel sein aufsehenerregendes Buch vor. Aufgewachsen in Ägypten, Studium in Deutschland und Japan, hält er Orient und Okzident gleichermaßen den Spiegel vor. Er zeigt am Beispiel seines eigenen Lebens Spannungen, Konflikte und Möglichkeiten, die in jeder dieser Kulturen existieren. In der arabischen Welt hat der Bericht aus dem Leben eines Muslims in Deutschland eine heftige, aggressive Debatte mit Morddrohungen gegen den Autor ausgelöst.
Ebenfalls auf die Begegnung von Orient und Okzident aber aus ganz anderer Perspektive auf die Funktion von Kultur blickt am 11. März Michael Schindhelm auf Einladung der Europa-Brücke Rheine. Der ehemalige Quantenchemiker und Arbeitskollege von Angela Merkel sollte nach seinem Quereinstieg als Kulturmanager in Dubai eine gigantische Kulturlandschaft inszenieren: mit zehn Museen, vierzehn Theatern, Galerien und Bibliotheken. Kultur sei für die Herrschenden in Dubai die Leimrute gewesen, mit der man Käufer für Immobilien anlocken wollte, so Schindhelm heute. In seinem Buch „Dubai Speed“, das er am 11. März in Rheine vorstellt, beschreibt er, wie im modernen Babylon die Träume im Wüstensand versackt sind.


Spiegel-Redakteur und Bestseller-Autor Jan Fleischhauer, ebenfalls Gast der Europa-Brücke in diesem Frühjahr, hat auch so seine Erfahrungen mit hochfliegenden Träumen. Heute bezeichnet er sich als ausdrücklich resistent gegen Utopien. Seit seinem Coming-Out als Konservativer übt er sich in heiterem Pessimismus. „Unter Linken – Von einem, das aus versehen konservativ wurde“ ist der Titel seines Buches. Ein Rundumschlag, der nichts auslässt: Fleischhauer seziert in seiner autobiographisch angereicherten Bestandsaufnahme lustvoll Befindlichkeiten ideologisch gestählter Gutmenschen. Letzteren spricht er unter anderem die Erfindung eines Karrieremodells zu, das im Wesentlichen auf einer gut inszenierten Opferrolle beruht. Er scheut sich aber nicht, mit eben diesem Status zu kokettieren. Laut seiner Lebensbeichte „überlebte“ Fleischhauer eine Kindheit im linken Bürgertum, ohne Apfelsinen aus Francos Spanien, imperialer Cola und politisch unkorrekter Hamburger. Als selbst ernannter Hamburger „Black Panther“ mit linksbürgerlich-hanseatischen Habitus durchlitt er schon als Jugendlicher tapfer Krisen der Glaubwürdigkeit, die seinen Glauben an die gerechte Sache noch mehr stärkten. Erste Risse in seinem Weltbild bemerkte er, als er über Kohl-Witze nicht mehr lachen konnte. Statt gemeinsam gegen etwas zu sein, pflegte er immer öfter seine persönlichen Positionsbestimmungen. Ohne eigenen Kompass bleiben Anpassung und Rebellion eben doch identisch, dürfte eine seiner vielen Erkenntnisse sein.
Ob aus dem gescheiterten Black Panther wirklich ein Schwarzer geworden ist oder nur ein Links-bürgerlicher, der sich uneingeschränkt wohlfühlen möchte? Nach Lesung der Europa-Brücke mit Jan Fleischhauer am 22. April, wollte man auch in Rheine mehr wissen. Doch die Natur war  einmal mehr mächtiger:  Eine gigantische Aschewolke aus dem isländischen Vulkan Eyjafjallajökull hat im April 2010 den Luftverkehr in ganz Nordwest-Europa ins Chaos gestürzt. Tausende Flüge fielen aus. Hunderttausende Passagiere sitzen fest. Darunter auch Jan Fleischhauer, der keinen rechtzeitigen Flug mehr aus Südafrika bekommen konnte.  Jörg Peterkord